Ferhat Tunç – „Kobani“

Kunst muss nicht politisch sein, doch kann sie sich politisch engagieren und so gewinnen.

Bereits im März diesen Jahres erschien „Kobani“, das aktuelle Album von Ferhat Tunç. Kobani (Kobane), da war doch was? Diese Stadt im Norden Syriens, die lange Zeit direkt vom IS bedroht war. Bedroht wird sie immer noch, zwar nicht mehr direkt durch den so genannten Islamischen Staat, dafür aber durch die Türkei. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan hat den Prozess der Aussöhnung mit den Kurden jäh beendet und für seinen Kampf gegen die Kurden und andere Minderheiten in der Türkei tut er sich auch gern mit Kräften wie dem IS zusammen. Nicht offiziell – klar – aber ohne das großzügige Nichtbeachten des IS durch die türkischen Behörden wären viele Geschäfte des IS nicht möglich oder möglich gewesen.

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Nun gut, das hätte den europäischen Staatschefs schon lange klar sein können, denn Erdoğan hat oft genug gesagt, dass er auf den Zug der Demokratisierung nur so lange aufsteigen würde, wie er diesen braucht. Spätestens da hätte man hellhörig werden können, aber nein. Nun wird wieder mit Waffen auf Kurden Jagd gemacht und Herr Erdoğan gebärdet sich wie manch ein römischer Kaiser, dem die Macht offensichtlich zu Kopf gestiegen war. Unterdessen labert die EU nur rum und in Deutschland gehen Türken mit deutscher Staatsbürgerschaft auf die Straße, demonstrieren für Erdoğan und erzählen vor laufenden Kameras, dass Erdoğan ihr Präsident wär. Das kotzt mich an.

Ich bitte um Nachhilfe in Gesellschaftskunde für die Parallelgesellschftsmenschen in diesem Land. Und diesen Staat bitte ich um etwas mehr Engagement bei der Integration, so dass klar wird, dass die Kultur des Herkunftslandes gepflegt werden kann und soll und dennoch dieses Land, dessen Gesetze und die Gefühle der Menschen hier respektiert werden müssen.

Aber zurück zu Herrn Ferhat Tunç, der ja Musiker ist und der mit „Kobani“ ein ungeheuer aktuelles Album geschaffen hat.

Musikalisch ist „Kobani“ eine Art ost-westlicher Divan. Hier treffen östliche Instrumente und arabeske Klänge auf die Bluesgitarre des Norwegers Knut Reiersrud und auf die Stimme der Sami-Sängerin Mari Boine. Gerade auch dieses Duett mit Mari Boine ist programmatisch, denn auch die Sami blicken auf eine lange Zeit der Unterdrückung zurück.

„Kobani“ ist neben allem Kämpferischen auch ein klassisches Weltmusikalbum, denn es geht musikalisch und inhaltlich um die Belange des kurdischen Volkes und um den Blick über den Tellerrand – hin zu den anderen Völkern, die in einer ähnlich schwierigen Lage sind.

Auf diesem sehr dynamischen Album kommen westliche Singer-Songwriter-Elemente genauso zum Zuge wie kurdische, türkische und armenische Musiktraditionen. „Kobani“ von Ferhat Tunç ist trotz des gewichtigen Inhalts ein wunderbar zu hörendes Album, welches den Einen oder Anderen auch an den letzten Türkei- oder – die Griechen mögen mir vergeben – Griechenlandurlaub denken lässt.

 

 

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