MAGNETBAND – EXPERIMENTELLER ELEKTRONIK-UNDERGROUND DDR 1984-1989

Musikalische Zeitreise mit Potenzial.

Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs entwickelten sich gegen Ende der 70er Jahre inspiriert von Punk und Post-Punk – spannende Szenen unabhängiger soundbestimmter Selbstverwirklichung.

Die Resultate der Arbeit in Garagen, Wohnzimmern und Kellerräumen erschienen im Eigenvertrieb auf Kassetten, dem damals billigsten und schnellsten Medium. Im Osten standen der Subkultur auch gar keine anderen Mittel zur Verfügung. Wobei man sich zudem schon mit der ersten Vervielfältigung auf illegalem Terrain bewegte, denn jene war strikt staatlich sanktioniert und genehmigungspflichtig. Wie grundsätzlich alles, ob Druck oder Live-Auftritte.

Die nicht nur mit Punk radikalisierten Akteure der Gegenkultur – Musiker, Maler, Dichter, Filmer, Performer … (oft alles zugleich) – hatten sich von Staat und Gesellschaft innerlich längst verabschiedet. Äußerlich nicht immer, denn das Leben in der DDR war mit Glatze, Iro, bunten Haaren, Nasenringen oder schrägen Klamotten weit komplizierter als im Westen.

Desillusioniert und oft schon auf dem Absprung gen Westen definierten sie sich eher un- bis anti-politisch und suchten in Neben- und Rückzugsräumen mit Klangwut, Sprachwitz und Bastelleidenschaft nach Wegen schöpferischer Ich-Behauptung sowie Kommunikation. Angetrieben von allgegenwärtiger Langeweile, ausgestattet mit viel Zeit und frei von ökonomischen Zwängen bzw. Möglichkeiten, wurde ohne finales Produktbewusstsein laboriert, selten dokumentiert und fast nie veröffentlicht. Erst die partielle Öffnung mit einsetzender System-Agonie Mitte der Achtziger änderte die Wirkungsbedingungen, aber der baldige Zusammenbruch brachte die noch im Land weilenden Aktivisten um die Verlegenheit, sich fortlaufend neu zu positionieren. Danach gingen viele neue Wege, von denen manche gen Rammstein, andere wiederum gen Raster-Noton oder Bands wie To Rococo Rot und Tarwater führten.

Die Artefakte jener Zeit künden von praktizierter Verweigerungshaltung und der Möglichkeit, trotz allem auf hohem Niveau unter Strom zu stehen. Zwischen Ausgeschlossen-Sein und Selbst-Ausschluss entstanden im Doppel-Wortsinne eigenwillige Sounds und Ausdrucksweisen. „Kongruent zur Absurdität der realen Existenz“, wie der Lyriker und Szene-Knotenpunkt Bert Papenfuß es formulierte.

„MAGNETBAND – EXPERIMENTELLER ELEKTRONIK-UNDERGROUND DDR 1984-1989“ enthält 14 Tracks die dem Unkundigen einen ersten Überblick über die musikalische Sub-Szene in der DDR geben. Der Eingeweihte wird hier einiges vermissen und doch über die Wiederbegegnung mit diesem oder jenen Track froh sein.

„MAGNETBAND – EXPERIMENTELLER ELEKTRONIK-UNDERGROUND DDR 1984-1989“ ist ein gelungener Anfang und hoffentlich wird es eine Fortsetzung geben.

Tracklisting:
1. A. F. Moebius – Erika, 2. Kriminelle Tanzkapelle – Klatschmohn, 3. Heinz & Franz – Immer,
4. Magdalene Keibel Combo – Er hat’s geschafft, 6. Stoffwechsel – Fly, Fliege, Fly, 7. Corp Cruid – 37°C, 8. Taymur Streng/Ornament & Verbrechen – Das sentimentale Ufo, 9. Der Demokratische Konsum – Die Kuh, 10. A. F. Moebius – Böser Traum, 11. Gesichter – SK 8 Gesichter, 12. Ihr Arschlöcher – Urtramp, 13. Aponeuron – Jab Gab Hej, 14. Robert Linke – Musik zum Weltuntergang.

„MAGNETBAND – EXPERIMENTELLER ELEKTRONIK-UNDERGROUND DDR 1984-1989“ erscheint am 10. Februar 2017 bei bureau b als CD, LP und digital.

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