Mit dem Zug von Leipzig nach Rom

Carolin Juler

Ein Auf und Ab der Gefühle

Am Abend vor meiner Abfahrt war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich fahren oder alles hinschmeißen sollte. Zwar war ich voller Vorfreude und Neugier, doch waren da auch viele Zweifel. Ganz ehrlich – hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon die Fahrkarte gehabt, dann wäre ich Zuhause im Bett geblieben. Aber die Fahrkarte war da und die Blöße wollte ich mir auch nicht geben. Schließlich gingen alle davon aus, mich in Rom besuchen zu können und vor allem meine Familie war sehr stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gehe.

Als mein Wecker um vier Uhr morgens klingelte – tat er das nur um mir zu sagen, dass es Zeit wäre aufzustehen, denn wach war ich ohnehin schon. Mein Freund und meine Mutter brachten mich zum Zug und mir war so schwer ums Herz, dass wir uns – nachdem ich meinen Kaffee in der Hand hielt und meinen Sitzplatz okkupiert hatte – verabschieden mussten. Der Abschied bei ausfahrendem Zug wäre wohl hollywoodreif gewesen – meine Mutter winkend mit einem weißen Taschentuch und unendlich viele Tränen.

Nach München durchs erwachende Deutschland: dunkel, trist und eine große Traurigkeit, das lässt sich eigentlich nur schlafend ertragen und so schlief ich. 

Endlich in München angekommen fühlte ich mich um einiges wacher, jetzt war da schon mehr Vorfreude und Neugier und das Gefühl, dass ich bald ein neues Leben anfangen würde, spürte ich deutlicher. Der Tag hatte seine Betriebshelligkeit erreicht und die Landschaft wurde alpiner. Nach Innsbruck kämpfte sich der Zug gen Brenner nach oben und als er eine viertel Stunde auf dem Bahnhof Brenner stand, um ins italienische Eisenbahnnetz eingefädelt zu werden, war ich nur noch happy. Jetzt überkam mich eine große Zufriedenheit und mit ihr kehrte die Müdigkeit zurück, ich war ja sehr früh aufgestanden. So nutzte ich die Weiterfahrt nach Bologna um meinen Sitz zu einem kleinen Bett umzufunktionieren und ich schlief bis Bologna durch. 

In Bologna musste ich noch einmal umsteigen, in den letzten Zug Richtung Rom. Auf dem Bahnhof herrschte sehr italienische Hektik und alle sprachen Italienisch. Verrückt 😉

Ich begann zu realisieren, dass mein Ziel bald erreicht sei. Meine Gedanken und Gefühle überschlugen sich, mir wurde übel und heiß, ich hatte Panik. Nach gut zwei Stunden kam ich in Roma Termini an. Vollgepackt mit meinem Koffer und zwei Rucksäcken kämpfte ich mich durch die herumwuselnden Menschenmassen, die vielen Reklametafeln im Bahnhof blendeten mich und ich verlor beinahe meinen Orientierungssinn. Gestresst und auch ein bisschen genervt, fuhr ich mit der Rolltreppe ins Untergeschoss und wollte mir ein Metroticket kaufen, um mit dieser zu meinem neuen Domizil im Stadtteil „Pigneto“ im Osten der Stadt zu fahren. Soweit so gut. Aber wie für die italienische Hauptstadt üblich, streikte ATAC (ÖPNV-Unternehmen) und ich wich auf das Fahren mit der Tram aus. Auf dem großen Platz vor dem Bahnhofsgebäude (Piazza del Cinquecento) fahren Busse und Bahnen in alle Richtungen der Stadt. Ein großes Chaos. Hektische und gestresste Menschen, die nicht wissen, wo sie hinmüssen und sich gegenseitig auf die Füße treten und man muss aufpassen, nicht auf der Vogelsch* auszurutschen. Fahrplanauskunft Fehlanzeige, da kann man nur warten und hoffen, dass das gewünschte Transportmittel fährt und man an der richtigen Haltestelle steht. Für Erstbesucher*innen der Stadt ein totales Fiasko. Wichtig: immer durchatmen und um Hilfe bitten. Die Italiener*innen sind sehr hilfsbereit und freuen sich, wenn man „Ciao“ (Hallo/ Tschüss), Grazie (Danke), Prego (gern geschehen) und „Dov’è?“ (Wo ist?) sagen kann. Alles andere ergibt sich von selbst. 

Glücklicherweise besuchte ich Rom schon im vergangenen Sommer und wusste, welche Straßenbahn ich nehmen muss. Ich wartete und endlich kam sie. Und natürlich, wie überall in den zentralen Gegenden, war die Straßenbahn voll und durch die vielen Menschen in ihr ziemlich aufgeheizt. Ein freundlicher Mann bot mir seinen Platz an und öffnete für mich das Fenster. Ich fuhr. Nur noch 15 Minuten bis zu meinem neuen Zuhause. Die alten Straßenbahnen haben, auch wenn sie zu Beginn gewöhnungsbedürftig sind, Charme und der Wind, der durch die geöffneten Fenster hineingelangt, war die pure Entspannung für mich und ich war glücklich. 

Angekommen in meiner neuen WG wollte ich nur noch schlafen. Aber erst einmal begrüßten mich meine Mitbewohner*innen Michele und Antonia herzlichst und danach fiel ich ins Bett. Ich träumte von Gelato, Pizza, Sonne und wurde am nächsten Morgen vom Glockenläuten der Kirche zwei Straßen weiter geweckt. Roma sto arrivando!