Yann Tiersen – “All”

Von rauer See und dichtem Wald (Text: Eric C.)

Wo Yann Tiersen 2016 mit „Eusa“ begonnen hat, an seiner Heimat im keltischen Meer musikalisch Mass zu nehmen, knüpft er zum Jahresauftakt nahtlos an. Seit 10 Jahren lebt das französische Multitalent auf der Insel Ouessant vor der Küste der Bretagne. „All“ heisst das neue Album und ist das erste, aufgenommen in Tiersens neuem Studio The Eskal, einst verlassene Diskothek, jüngst umgebaut auch zum Gemeindezentrum und Konzertsaal. Leitendes Motiv des Werkes ist wieder die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt.

Umgeben von rauer See und der wilden Schönheit der für ihre Leuchttürme bekannten Insel findet sich zwar genügend Material, inspirierend war für Tiersen jedoch auch ein Erlebnis in den kalifornischen Redwoods – ein Berglöwe hatte seine Frau und ihn dort während einer Radtour jäh verfolgt.

Yann Tiersen (Photo by Christopher Fernandez)

Wie auch beim Vorgänger setzt Tiersen auf „All“ zahlreiche field recordings ein, wobei er sich bei der Auswahl der Lokalitäten nicht auf Ouessant beschränkt. So sind im gleichnamigen Opener etwa Aufnahmen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof zu hören, andernorts die besagten Redwoods.

Wie das Aufschlagen eines Tropfens, der auf der Wasseroberfläche sanfte Wellen schlagen lässt, ziehen sich sich über den ohnehin schon dicht gewebte Klangteppich aus Pianokompositionen, Violinen und dem Geläut von Glocken wie von Booten in der Brandung. Sie „erden“ das Gesamtbild in der Natur und machen das Thema greifbar.

Vogelgesang zeichnet so etwa in „Koad“ das Bild eines dichten Waldes, während „Prad“ das einer Wiese in der Vormittagssonne vor dem inneren Auge – wenig überraschend, besteht hier doch alleine über den Titel ein Zusammenhang.

Bereichert wird das Album zudem durch zahlreiche GastsängerInnen, welche die grösstenteils auf Bretonisch gehaltenen Texte mal erhaben-klagend, dann wieder sehnsüchtig hauchend vortragen.

Bald sachte mahnend wie in „Erc’h“, dann fulminant erhaben während „Heol“, lassen diese die einzelnen Titel zu eigenen, doch stehts zusammenhängenden Kapiteln im Gesamtwerk werden.

Vor Allem, weil mehrmaliges Hören sich durchaus mit dem Entdecken neuer Details belohnen lässt, braucht man für das Album angemessen Zeit, sich mitreissen zu lassen.

Dazu hat man glücklicherweise auch live die Gelegenheit, denn passend mit der Veröffentlichung von „All“ am 15.02.19 geht Yann Tiersen den Februar und März über auf Europa-Tournee und ist zu 3 Terminen (06.03. Berlin, Admiralspalast / 07.03. Hamburg, Laeiszhalle / 08.03. Düsseldorf, Tonhalle) auch hierzulande zu erleben.