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Thursday, September 24, 2026
Corona - Sant’ Andrea

Corona – Sant’ Andrea

Die Corona-Zeit war eine merkwürdige. Man war gehalten sich von allem und jedem zu separieren und mit der Zeit wuchs diese Sehnsucht nach menschlichen Kontakten und neuen Eindrücken.

Wer zur Corona-Zeit auf Reisen war, der erinnert sich bestimmt an die leeren Städte und natürlich auch an die leeren Züge. So wurde es meiner Frau und mir irgendwann zu eng in Leipzig. Wir wollten mal wieder ein bisschen über den Tellerrand schauen und deshalb verschlug es uns 2020 nach Karlsbad. Es war dort so schön, denn es waren kaum Touristen vor Ort und vor allem die vielen Russen, die Karlsbad bis dahin dominierten waren nicht da. So konnten wir vier sehr entspannte Tage in einer der süßesten kleinen Städte Europas verbringen. Es war wunderbar.

Im Herbst 2020 gab es dann den nächsten LogDown aber im Frühling 2021 mussten wir wieder raus. Da es mit Karlsbad so gut funktioniert hatte, wollten wir nun wieder in unser geliebtes Italien und am liebsten nach Venedig. Rückblickend muss ich feststellen, dass es unsere beste Idee im Jahr 2021 war. Ein so leeres Venedig hatten wir noch nie gesehen und vermutlich werden wir es nie wieder so sehen können.

Auch für viele Venezianer war es eine willkommene Pause, denn sie konnten sich wieder in ihrer Stadt bewegen, ohne dass Touristengruppen Wegkreuzungen oder Brücken blockierten. Auch die Natur der Lagune atmete sichtbar auf und neugierige Delfine erkundeten die kleinen Kanäle Venedigs. Ich wünschte, ich hätte damals einen Film gedreht, um ungläubigen Freunden und meinen Enkeln das Phänomen der fast menschenleeren Serenissima zeigen zu können. Natürlich war nicht alles Sonnenschein, denn viele Venezianer leben vom oder mit dem Tourismus und so war es für etliche Menschen in der Lagunenstadt auch eine sehr schwere Zeit.

Ich wollte damals etwas mehr über die Lagune wissen und so buchten wir uns bei Valerio Coppo, einem der sympathischsten Stadtführer Venedigs, eine Kanutour durch die Lagune. Normalerweise nehmen zehn bis zwölf Personen an einer solchen Tour teil, doch dank Corona, waren meine Frau und ich die einzig Paddelwilligen an diesem Tag. Das war für uns ein ungeheures Glück, denn so hatten wir den sehr kommunikativen Valerio für uns allein und er erzählte uns so viel über das Leben in der Lagune – dass nur der Frühstückskaffe mit ihm am Fondamente Nove, beim Warten auf das Vaporetto nach San Erasmo, das Geld für die Tour wert gewesen wäre.

San Erasmo ist der Gemüsegarten Venedigs. Vieles was auf dieser Insel angebaut wird gibt es auf den Märkten Venedigs. Von hier kommen auch die Castraure – die handgepflückten ersten Artischocken des Jahres. Sie sind klein und zart und ihr Geschmack ist einzigartig, was wohl auf ihren Standort in der Lagune zurückzuführen ist. Die Castraure sind eine regionale Spezialität, welche du, wenn du im Frühling in Venedig bist – unbedingt probieren solltest.

Das Vaporetto braucht gut dreißig Minuten bis nach San Erasmo Capannone. Von hier geht es zu Fuß weiter. Entlang einer kleinen Straße die nur gelegentlich ein Auto sieht führt der Weg in die südwestliche Ecke der Insel. Hier ist das Zuhause eines Bootsvereins der es Valerio erlaubt Kanus für seine Touren zu verwenden.

Etwas über eine Stunde paddelten wir durch die Lagune, um die Insel Le Vignole herum in Richtung Lido di Venezia. Dann ging es in einen alten sehr zugewachsenen Kanal hinein. Wir zogen die Boote ans Ufer, Valerio sagte „willkommen auf Sant’Andrea“ und als wir auf der Böschung standen fanden wir uns in einem verwunschenen Garten. Hier haben viele Bäume, Sträucher und Blumen nach Ende der aktiven Nutzung der Festung ein Zuhause gefunden. Wir folgten einem fast nicht mehr als solchen zu erkennenden Weg und fanden uns mitten in einer beeindruckenden und märchenhaft zugewachsenen Festungsanlage aus den 16. Jahrhundert. Diese Festung kontrollierte wer in die Lagune einfuhr und wer sie verließ. Alles ist zwischen dem vielen Grün nicht mehr zu erkennen aber die beeindruckenden Kasematten gibt es noch und sie lassen uns ahnen wie es hier einst gewesen sein muss. Durch eine der alten Kanonenscharten kletterten wir auf eine Plattform kurz über der Wasserlinie. Von hier sieht man direkt auf den Lido, der hier zum Greifen nah zu sein scheint. Der Alltag wird hier ein harter gewesen sein, auch wenn die hier stationierten Soldaten sicher neben dem militärischen Drill auch viel Langeweile hatten.

Nach unserem Entdeckungsmarsch über Sant’Andrea ging es zurück in die Boote und ab aufs Wasser. Wir fuhren südlich um Sant’Andrea herum und waren gut 30 Minuten später wieder in der kleinen Marina auf San Erasmo, wo unser mariner Kanutrip begann.

Nach einem so erlebnisreichen und den Körper beanspruchenden Entdeckertrip durch die Inselwelt der Lagune schreit der Körper nach Nahrung und Getränken. Zum Glück gibt es nur gut einhundert Meter entfernt von der Marina ein kleines Restaurant, das Al Bacan. Hier kann man auf der Strandterrasse sitzend den Nordzipfel des Lido di Venezia, die Lagune und das Meer bewundern. Man lässt sich herrlich erfrischende Sarde in saòr – einen wunderbare Venezianische Vorspeise – bringen und genießt dazu einen leckeren Weißwein oder einfach ein eiskaltes Ignusa, ein wirklich fabelhaftes Bier aus Sardinien.

Auf dem Rückweg zum Vaporetto solltest du dann noch an der „Ape Verde Pistacchio – Pizzeria Siciliana“ halt machen und dir eine perfekte sizilianische Pizza gönnen. Du musst ein bisschen die Augen offenhalten, denn die Ameise mit dem Pizzaofen steht jedes Jahr an einem anderen Platz. Das Angebot an Pizzen ist übersichtlich doch der Geschmack ist überwältigend. Immer wieder kommen Bote von anderen Inseln oder direkt aus der Serenissima und legen kurz an, um sich hier eine der besten Pizzen überhaupt zu holen. Passend dazu gibt es hier auch sizilianisches Bier und alkoholfreie Getränke aus der Heimat des Pizzaiolo. Diese so improvisiert wirkende Pizzeria ist wohl die Beste in der Lagune und auch wenn sie immer wieder woanders steht, ist sie eine Institution.

Auf dem Weg von der Vaporetto-Station Fondamente Nove zurück nach Castello kommen wir an einer geschlossenen Bar vorbei, wo auf einem der Tische im Schatten ein in der Mittagshitze dösender Kater liegt, der vermutlich von Fischen aus der Lagune und fetten Mäusen träumt. Das ist mein Venedig, keine hundert Meter vom größten Trubel entfernt ist das Leben hier so beschaulich und friedlich.

Und morgen geht es wieder zu Fuß durch Venedig, auf der Suche nach Orten, die wir noch nicht entdeckt haben. Und davon gibt es noch so viele.

Vielen Dank an Valerio Coppo (DeTOURist) für vielen Geschichten über Venedig und für diese wunderbare Erfahrung.
LINK:detourist

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